Kunsthaus KAT18 – Ein besonderes Atelier in Köln

KAT18
Der Innenhof des KAT18 Köln/© Cynthia Cichocki

Schreiben Sie eine Reportage über einen Ort in der Kölner Südstadt. Fahren Sie zwei Haltestellen mit der KVB, gehen Sie undercover in den Supermarkt oder halten Sie einen Plausch mit dem Frisör Ihrer Wahl. So lautete der heutige Auftrag im mibeg Institut Medien, wo ich meine Weiterbildung zur Online-Redakteurin absolviere. Ich begegnete Esra und Irene – ein schöner Zufall.

Endlich wollte ich den hausgemachten Apfelkuchen am Kartäuserwall 18 in der Südstadt probieren. Eine Freundin hatte die Kaffeebar des Kunsthauses KAT18 schon mehrfach empfohlen. Eine gute Gelegenheit, um noch ein bisschen nachzudenken über ein geeignetes Reportage-Thema. In Gedanken schlürfe ich schon gemütlich Cappuccino als ich das Schild „Montags geschlossen“ an der Tür entdecke. Na toll, was jetzt? Ich schaue mich um, finde eine gemütliche Sitzecke im Hof und nehme Platz. Auf dem Holztisch liegt ein Bücherarrangement. Oben auf liegt ein Buch mit Titel „Muster der Sinnlichkeit – Die Zyklen weiblicher Sexualität“. Das muss ich nicht unbedingt mitnehmen, selbst wenn es umsonst ist. Dann entdecke ich in der Foodsharing-Ecke einen frischen Rotkohl und ein Bündel Staudensellerie. Naja, war der Besuch wenigstens für´s Abendessen gut, denke ich und schaue mich weiter um.

Esra und Irene

Am Ende des länglichen Innenhofs hängt der Hinweis zu einer Fahrradwerkstatt. Das interessiert mich, da mein Drahtesel gerne mal bockt. Bis zur Werkstatt komme ich aber nicht, denn auf der rechten Seite des pittoresken Hofs passiere ich ein Atelier. Durch die großen Fensterscheiben sehe ich schwarz-weiße Tuschezeichnungen, farbenfrohe Kunstwerke hängen an den Wänden. An der Ateliertür steht in großen Lettern „PERSONALEINGANG“.  Obwohl es eigentlich nicht meine Art ist herumzuschnüffeln, bin ich so neugierig geworden, dass ich trotzdem eintrete. Der Raum ist durch dicke Pappwände geteilt und bietet Platz für vier bis fünf Künstler. Vorne links sitzt eine Frau mit rotem Kurzhaarschnitt. Sie dreht den Schreibtischstuhl in meine Richtung und schaut mich leicht blinzelnd über ihren Brillenrand hinweg von unten an. „Hallo!“, sage ich. „Darf ich mich mal ein wenig umsehen?“  „Das geht eigentlich nur mit Anmeldung“, erklärt mir der Rotschopf. Ihr Alter ist schwer zu schätzen, aber mit Mitte 40 liege ich sicher nicht ganz daneben. Ihr Name ist Irene. Kurz bin ich verleitet meine Reportage zu erwähnen, will aber keine Pferde scheu machen. Also kommen wir einfach so ins Gespräch. An Irenes Arbeitsplatz sind viele kleine Farbtöpfchen auf dem Tisch aufgereiht. Sie hält einen in rot getränkten Pinsel in der Hand. Einen Keramikteller mit einer Figur im Frida Kahlo Stil hat sie bereits bemalt. „Die fertigen Teller kommen in den Ofen und werden dann verkauft“, erzählt sie mir lächelnd. Ich bin begeistert und erkundige mich nach dem Kaufpreis. Den wisse sie nicht, da müsse ich in der Kaffeebar nachfragen. Aber die hat ja geschlossen und ich muss wieder an den verpassten Gaumenschmaus denken. Plötzlich taucht ein neues Gesicht hinter der Pappwand auf. Eine junge Frau schiebt einen Rollator vor sich her und bittet mich, ihr die Tür aufzuhalten. Da ich das Gefühl habe, den unbefugten Zutritt zum Atelier schon ausgereizt zu haben, nutze ich die Gelegenheit und verabschiede mich von Irene, während ich die Tür aufhalte. „Danke für die Informationen und vielleicht bis bald mal“, sage ich. Die andere Frau schiebt derweil ihren Rollator geschickt über die Eingangsrampe nach draußen. Sie bedankt sich höflich und ich merke, dass meine Neugier noch immer nicht nachgelassen hat. Ob sie auch hier arbeitet, möchte ich wissen. „Ja, ich mache hier ein Praktikum, aber nächste Woche ist es vorbei. Ich bin schon etwas traurig“, plaudert sie drauf los und kramt aus ihrer Gürteltasche eine Packung Pall Mall hervor. „Raucherpause“, sagt sie fast entschuldigend. „Hier ist es viel ruhiger als in Kalk, wo ich normalerweise arbeite. Sonst muss ich so viel schleppen“, erklärt sie, und ich erfahre, dass sie in der Aktenvernichtung tätig ist. Während sie ihren Rollator als Hocker nutzt, erzählt Esra mir, dass sie gerne weiter im KAT18 arbeiten würde. „Das Zeichnen macht mir viel Spaß, aber ich habe keine große Hoffnung, dass sie mich übernehmen. Ich kann es leider nicht besonders gut“, bedauert sie. „Aber was soll’s, es gibt Schlimmeres!“ Ich bewundere den Optimismus der jungen Frau, wünsche ihr viel Erfolg und freue mich über die interessante Begegnung.

irenes teller
Irene bemalt Keramikteller für den Verkauf im KAT18/© Cynthia Cichocki

Irene und Esra arbeiten im KAT18. Das in NRW einmalige Projekt macht es Künstlern und Künstlerinnen mit Behinderung möglich, unter optimalen Arbeitsbedingungen zu arbeiten. Esra arbeitet normalerweise in der Behindertenwerkstatt der GWK Köln-Kalk. Ich habe nicht nach ihren Behinderungen gefragt, denn in dieser Begegnung war es völlig nebensächlich.